Umgang mit negativen Rezensionen - Gastbeitrag von Barbara Weiß

Barbara Weiß

Barbara Weiß ist Autorin und Bloggerin auf bluesiren.de. Sie hat einen Bachelor of Science in Psychologie und arbeitet gerade am Mastertitel. Außerdem ist sie Schwester im Nornennetz, einem Netzwerk für Phantastik Autorinnen und gibt dort Coachings zu Kommunikation und Kritikfähigkeit. Als Vorstandsmitglied von 9lesen e.V. veranstaltet sie mit ihren Kollegen abwechslungsreiche Lesungen zu verschiedenen Buchevents.

 
 

Der richtige Umgang mit negativen Rezensionen

Negative Kritik kommt früher oder später auf allen Autor*innen zu. Es wird immer jemanden geben, der das eigene Buch nicht gut findet. Das kann viele Gründe haben, innerhalb oder außerhalb des Buches.
 

a) Eine schlechte negative Rezension könnte so aussehen: „Das Buch hat mir nicht gefallen, es war total langweilig und schwer zu verstehen. Ich musste mich richtig durchquälen.“

b) Eine ideale negative Rezension könnte lauten: „Das Buch von XY hat mir nicht gefallen. Mir war der Schreibstil zu hochgestochen, die Sätze zu lang und schwulstig. Die Hauptfigur hat keine Entwicklung durchgemacht und viel zu viel nachgedacht. Die Handlung kam nicht in die Gänge und hat sich hingezogen, weil die Hauptfigur erst sehr spät erkannt hat, dass sie etwas tun muss. Ich musste mich richtig durchquälen.“

 
Warum ist die eine negative Rezension besser als die andere? Weil B wesentlich konkreter ist, während A schwammig bleibt. Was war langweilig und schwer zu verstehen? Was hat die Geschichte so wirken lassen?
Rezension B kann man direkt Punkte entnehmen, die man objektiv abklappern kann. Wie lang sind meine Sätze? Wie viel denkt und wie viel handelt meine Person? Wie gestaltet sich der Spannungsbogen?
Man selbst, aber auch andere, können diese Aspekte überprüfen, z.B. Testleser*innen oder Lektor*innen.
Beide Rezensionen sind negativ und manchmal tun die konkreten Rezensionen mehr weh als die unspezifischen. A lässt sich viel leichter als „Einzelmeinung“ abtun als B. Dabei repräsentieren beide in dem Sinne genau denselben Sachverhalt: Das Buch hat einer Person nicht gefallen.

 

Nun sollte man wegen einer einzelnen schlechten Rezension nicht sein komplettes Schreibhandwerk und Storytelling hinterfragen. Wir alle kennen sicher Autor*innen, mit deren Schreibstil oder Art Geschichten zu erzählen, wir einfach nichts anfangen können, obwohl sie von vielen anderen Lesenden geliebt werden. Unser Buch kann nicht allen Menschen auf der Welt gefallen.

 

Was also tun, wenn man eine oder mehrere negative Rezensionen erhält?

Bitte nicht: Kritik ignorieren
Das gilt natürlich nicht unbedingt für alle Kritik. Manche Rezensionen sind nichtssagend, manchmal sind es vielleicht nur Beleidigungen oder Einzeiler. Die sind ärgerlich, aber damit kann man nicht arbeiten.
Aber wenn wir eine ausführliche Rezension bekommen – ignoriert sie nicht. Ihr müsst als Schreibende nicht darauf antworten oder sie teilen.
 
🡺 Stattdessen: Seht Kritik als das, was sie ist. Eine Meinung, ein anderer Blickwinkel, eine Herausforderung, eine Chance zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Lest sie aufmerksam und schreibt euch einige Stichpunkte heraus. Vielleicht könnt ihr etwas davon für das nächste Schreibprojekt gebrauchen.

 
 

Bitte nicht: Alles persönlich nehmen
Das ist oft leichter gesagt als getan. Viele Rezensionen sind mit Pfeffer geschrieben und vermischen Kritik am Buch mit Kritik am Schreibenden. Aber die Kritik gilt nur für dieses Buch, für diesen Text, für diesen Leser. Die Kritik ist kein Angriff auf euch als Person. Es muss nicht bedeuten, dass ihr nicht schreiben könnt, dass euer Buch schlecht ist. Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass der Leser keine Ahnung hat oder einfach einen schlechten Geschmack.
Wir Menschen bilden unsere Urteile aufgrund vieler Faktoren, oft kleine Dinge, die man gar nicht genau benennen kann. Aber wie wir etwas beurteilen, kann unsere Stimmung und unseren Selbstwert beeinflussen. In der Psychologie spricht man von „Attribution“.
Beispielsweise bewerten wir Dinge kritischer, wenn wir schlecht gelaunt sind. Es gibt also nicht den einen Grund für eine schlechte Rezension. Weder beim Leser noch bei euch.
 
🡺 Stattdessen: Schafft für euch Distanz zur Kritik. Lasst sie ein paar Tage liegen, um eure Gefühle zu sortieren. Es ist in Ordnung, dass man sich danach wütend, traurig oder beleidigt fühlt. Geht mit einem frischen Kopf und etwas Abstand nochmal zur Kritik zurück. Vielleicht ist sie dann nur noch halb so schlimm.

 
 

Bitte nicht: Kritisierende angreifen/euch rechtfertigen
Wenn uns Kritik trifft – ein potenzieller Angriff auf unseren Selbstwert –, fühlen wir uns oft in die Ecke gedrängt, wollen uns rechtfertigen oder erklären. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das etwas an der Meinung des Kritikers ändert, geht gegen Null.
Bei groben Falschinformationen in der Rezension solltet ihr natürlich einschreiten. Aber höflich und sachlich. Denn Rezensionen werden gelesen. Sei es von potenziellen Käufer*innen oder anderen Blogger*innen.
Und es wirkt nie gut, wenn ein Schreibender wutschnaubend und beleidigt um die Ecke kommt. Klärt so etwas lieber per Privatnachricht und bleibt auch dann höflich. Jemand hat sich die Mühe gemacht, eine Rezension zu eurem Buch zu verfassen. Auch darin steckt Arbeit. Und auch, wenn es uns manchmal nicht gefällt – jede Meinung hat ihre Daseinsberechtigung. Letztlich schenken auch negative Rezensionen unserem Werk Aufmerksamkeit.
 
🡺 Stattdessen: Auch, wenn der Impuls in den Fingern brennt, eine gepfefferte Antwort zu schreiben – schickt diese niemals ab. Schreibt sie gerne herunter, zerreißt den Zettel oder regt euch bei Freunden auf. Sticheleien, Gegenkritik und Andeutungen auf Social Media sind übrigens ebenso tabu. Bleibt professionell und geht den Kritiker nicht für seine Meinung an. Es ist eine Meinung, keine Tatsache.

 
 

Bitte nicht: Alle Kritik umsetzen oder alle Kritik von sich weisen!
Es ist einfacher, Kritik wegzuschieben, als sie umzusetzen. Manchmal ist es in Ordnung, sie wegzuschieben, aber man sollte sie für später aufbewahren und nicht in den Mülleimer werfen. Wenn wir eine konstruktive oder detaillierte Rezension erhalten, die uns die Fehlbarkeiten unseres Werks vorhält, dann tut das weh. Aber oft tut es genau dann weh, wenn es unsere eigenen Zweifel oder Unsicherheiten trifft.
Wichtig ist dann, in der Balance zu bleiben. Nur, weil es kritisiert wird, muss es nicht schlecht sein. Deshalb ist es unnötig, alles aus einer Kritik blind umzusetzen. Zumal verschiedene Leser verschiedene Dinge ganz anders bewerten.
Aber auch solltet ihr als Schreibende nie annehmen, dass eure Werke die Krone der Schöpfung und ihr als Schreibende unantastbar und unfehlbar seid. Oder dass alle Kritiker nur verblendete Hater sind. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß, nicht nur Unrecht und Recht.
 
🡺 Stattdessen: Analysiert die Kritikpunkte! Was sind Dinge, die ihr verbessern könnt und wollt? Was ist dem persönlichen Geschmack des Lesenden geschuldet? Welche Dinge könnt ihr beeinflussen?

 

Wie sieht die konstruktive Arbeit mit negativen Rezensionen also aus?

Schafft Abstand, nehmt euch Zeit, schluckt eure Gefühle nicht herunter. Es ist ganz natürlich, dass man sich nicht über negative Kritik freut und sofort damit arbeiten kann.

Schaut euch ruhig auch den Kritiker bzw. sein Profil oder andere Buchrezensionen an. Wenn sonst hauptsächlich Liebesromane gefeiert werden und unser blutiger Thriller durchfällt, ist das plötzlich kein so großer Schock mehr. Wenn ein Polizist meinen Thriller aber wegen der unrealistischen Ermittlungsarbeit auseinandernimmt, hat das mehr Gewicht.
Lest die Kritik aufmerksam, auch mehrmals. Achtet nicht auf den Ton der Rezension, sondern den Inhalt. Fragt bei Unklarheiten nach. Schreibt euch die wichtigsten sachlichen Kritikpunkte heraus – positiv und negativ. Und dann könnt ihr damit arbeiten.
 


Es gibt einige Fragen, die ihr euch in diesem Prozess stellen könnt:

 

  1. Welche Punkte haben andere Leute auch schon angesprochen? Wenn mehrere Kritiken genau denselben Punkt ansprechen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
  2. Was ist eher Geschmack und was eher Handwerk? Welche Punkte kann man objektiv überprüfen?
  3. Was kann ich beeinflussen? Was ist vielleicht typisch für mich oder das Genre?
  4. Was kann ich ändern, was will ich ändern?
  5. Was ist mir wichtig für mein Schreiben, was ist mein persönlicher Stil, wo will ich mich weiterentwickeln?

Kritik ist ein Geschenk. Und negative Kritik ist leider oft ein kratziger, handgestrickter Wollpulli mit hässlichem Muster. Ihr solltet ihn nicht wutschnaubend vor der Person zerreißen, die ihn euch geschenkt hat. Aber es ist vollkommen in Ordnung, ihn in den Schrank zu legen und nie wieder anzuschauen. Manchmal findet man den Pulli auch nach Monaten oder Jahren wieder und merkt, dass man doch etwas damit anfangen kann. Was ihr mit diesem Geschenk anfangt, liegt ganz allein an euch.

 
 


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27.09.2019 zuletzt geändert am: 27.09.2019 • epubli
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